Long COVID heute: Was sagt die Forschung und wo liegen ihre Grenzen

Long COVID heute: Was sagt die Forschung und wo liegen ihre Grenzen

Long COVID betrifft Betroffene sehr unterschiedlich und ist schwer zu diagnostizieren. Wir geben einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zu Ursachen, Mechanismen und möglichen Therapieansätzen.

Long COVID zählt zu den grössten medizinischen Herausforderungen der letzten Jahre. Trotz intensiver Forschung sind die Ursachen, die Diagnostik und die Therapien noch unzureichend geklärt. Doch die Wissenschaft liefert zunehmend wichtige Hinweise auf mögliche Krankheitsmechanismen und Therapieansätze.

 

Aktueller Forschungsstand

 

Einen guten Überblick über den aktuellen Forschungsstand bietet die Studie «Long/Post-COVID – An interdisciplinary challenge» von Reisinger et al. (2025). Die Arbeit fasst den aktuellen Wissensstand aus zahlreichen Studien zusammen und hebt dabei mehrere zentrale Punkte hervor.

 

Symptome sind vielfältig und unspezifisch

Post-COVID zeigt sich bei jedem Betroffenen anders. Häufig berichten sie von starker Erschöpfung (Fatigue), die oft mit einer besonderen Belastungsintoleranz (PEM) einhergeht. Auch kognitive Einschränkungen wie «Brain Fog», Konzentrations- oder Gedächtnisprobleme sind häufig anzutreffen. Hinzu kommen Beschwerden des Herz-Kreislauf-Systems oder der Lunge, wie etwa Herzrasen, Brustschmerzen oder Atemprobleme, sowie Schmerzen in Kopf, Muskeln oder Gelenken.
Zusätzlich leiden viele Betroffene unter Schlafproblemen, Bluthochdruck, Verdauungsbeschwerden oder einer Veränderung des Geruchs- oder Geschmackssinns. Die grosse Bandbreite der Symptome macht deutlich: Long COVID ist kein einheitliches Krankheitsbild.

Es gibt viele Hypothesen, aber noch keine endgültige Antwort

Die Ursachen von Long COVID sind weiterhin unklar. Diskutiert werden unter anderem Fehlregulationen des Immunsystems, wie chronische Entzündungen oder Autoimmunreaktionen, sowie das Fortbestehen von Virusbestandteilen oder viralen Proteinen im Körper. Auch Schäden an den Blutgefässen und Beeinträchtigungen der Mikrozirkulation, also des Blutflusses in den kleinsten Gefässen, spielen möglicherweise eine Rolle. Hinzu kommen Veränderungen der Blutgerinnung mit der Bildung kleiner Blutgerinnsel (Mikrothromben), Funktionsstörungen des autonomen Nervensystems, welches Herzfrequenz, Blutdruck und Verdauung steuert, sowie potenzielle Einflüsse des Darm-Mikrobioms.

Viele dieser Mechanismen überschneiden sich mit denen anderer postinfektiöser Erkrankungen wie ME/CFS. Dies deutet darauf hin, dass Long COVID Teil eines grösseren Spektrums postakuter Infektionssyndrome ist.

Long COVID ist eine komplexe Erkrankung, deren Ursachen und Entstehungsmechanismen noch nicht vollständig geklärt sind. Eine gezielte, ursächliche Therapie steht derzeit noch nicht zur Verfügung, doch die Forschung liefert zunehmend wertvolle Hinweise auf Mechanismen und mögliche Therapieansätze.

 

Diagnostik: noch immer eine Ausschlussdiagnose

Ein zentrales Problem für Betroffene ist, dass es bislang keine spezifischen diagnostischen Biomarker oder Tests gibt, mit denen sich Long COVID eindeutig nachweisen lässt. Die Diagnose erfolgt daher meist durch den Ausschluss anderer Erkrankungen, was eine interdisziplinäre Diagnostik erforderlich macht. Dieser Prozess ist aufwendig und belastend. Nicht selten bleiben Betroffene lange ohne klare Diagnose oder werden nicht ernst genommen.

 

Therapie: symptomorientiert

Die Behandlung von Long COVID richtet sich derzeit vor allem nach den individuellen Beschwerden. Eine gezielte, ursächliche Therapie, die die Ursachen direkt angreift, gibt es bislang nicht. Im Vordergrund stehen rehabilitative Massnahmen, Pacing‑Strategien, Atem‑ und Ergotherapie sowie Angebote zur Schmerz- und Schlafbewältigung. Ergänzend kommen in der Praxis verschiedene medikamentöse Ansätze zum Einsatz, während neue pharmakologische Möglichkeiten, etwa zur Immunmodulation, aktuell in Studien untersucht werden. Für Betroffene bedeutet das oft, verschiedene Ansätze auszuprobieren, Optionen abzuwägen und Geduld zu haben.

 

Aktuelle Forschungstrends

 

Die wissenschaftliche Literatur sowie internationale Expertenempfehlungen zeigen, dass derzeit insbesondere die folgenden Bereiche im Fokus stehen:

 

  • Bessere Definition und Unterteilung der Subtypen von Long COVID:
    Ziel ist es, die vielfältigen Symptome besser einzuordnen und so Diagnostik und Therapie gezielter zu gestalten.

 

  • Suche nach objektiven Biomarkern:
    Forschende suchen nach messbaren Indikatoren im Blut oder Gewebe, die eine zuverlässige Diagnose erleichtern und Long COVID von anderen Erkrankungen unterscheiden.

 

  • Pathophysiologische Mechanismen:
    Hier werden beispielsweise das Fortbestehen von Virusbestandteilen, Autoimmunreaktionen, Gefässschäden und andere Prozesse untersucht, die die Symptome erklären könnten.

 

  • Kognitive Folgen und neuropsychologische Veränderungen:
    Einschränkungen wie «Brain Fog», Konzentrations- oder Gedächtnisprobleme werden intensiv erforscht, um gezielte Behandlungsstrategien zu entwickeln.

 

  • Therapiestrategien jenseits der Symptombehandlung:
    Neben Reha- und Pacing-Methoden werden experimentelle Ansätze erforscht, die die Erkrankung direkt beeinflussen und die Lebensqualität verbessern könnten.

 

Was bedeutet das für Betroffene?

 

Für Betroffene zeigt sich: Ihre Erkrankung wird zunehmend ernst genommen, und die Forschung liefert kontinuierlich neue Hinweise auf Mechanismen und mögliche Therapieansätze. Auch wenn der Weg zu verlässlicher Diagnostik und gezielten Therapien noch Zeit benötigt, entstehen so Schritt für Schritt bessere Möglichkeiten für Diagnose, Behandlung und Unterstützung.