Viele Kinder wachen morgens auf und haben kaum Energie, um in den Tag zu starten. Die Schule wird zur Herausforderung, Freizeitaktivitäten sind kaum möglich, und häufig bleibt unklar, ob und wann sich der Gesundheitszustand wieder normalisiert.
Manche Kinder und Jugendliche erleben ihre Beschwerden in wechselnder Intensität. Mal sind die Symptome weniger ausgeprägt, mal stärker. Es gibt Phasen, in denen sie zur Schule gehen und aktiv sein können, aber auch Zeiten, in denen sie grösstenteils ans Bett gebunden sind.
Warum die Diagnose bei Kindern schwierig ist
Die Diagnose von Long COVID bei Kindern ist oft schwierig, da sich eine frühere Corona-Infektion nicht immer belegen lässt. Oft fehlt ein klarer Hinweis auf eine vorangegangene Infektion, da viele Kinder nur milde oder gar keine akuten Symptome zeigen und deshalb oft nicht getestet wurden. Der Zusammenhang mit einer früheren Infektion lässt sich im Nachhinein daher oft nur schwer herstellen.
Hinzu kommt, dass das Krankheitsbild sehr uneinheitlich ist. Viele Symptome sind unspezifisch oder schwer zu beschreiben, insbesondere bei jüngeren Kindern. Kleinkinder können Beschwerden wie «Fatigue» oder «Brain Fog» oft gar nicht konkret benennen, was die Einschätzung zusätzlich erschwert.
Typisch ist zudem, dass die Beschwerden schwanken und in Schüben auftreten, was die Einordnung zusätzlich erschwert.
Zu den häufigsten Beschwerden bei Kindern gehören:
- Müdigkeit und starke Erschöpfung (Fatigue)
- Belastungsintoleranz / Post-Exertional Malaise (PEM)
- Konzentrations- und Gedächtnisprobleme („Brain Fog“)
- Kopfschmerzen
- Schlafstörungen
- Muskel- und Gelenkschmerzen
- Bauch- und Verdauungsbeschwerden
- Kurzatmigkeit und schneller Puls
- Verminderte Belastbarkeit (z. B. kein Sport mehr möglich)
- Schwierigkeiten in der Schule
- Stimmungsschwankungen oder depressive Symptome
Wie häufig kommt es bei Kindern zu Long COVID?
Verlässliche Zahlen sind insbesondere für die Schweiz schwierig, da nationale systematische Erhebungen fehlen. Dies ist analog zu den Erwachsenen auf unterschiedliche Definitionen sowie Untersuchungsmethoden zurückzuführen. Darüber hinaus wurde bei Kindern häufig kein PCR-Test durchgeführt.
Patientenorganisationen schätzen, dass bis zu 18’000 Kinder und Jugendliche betroffen sein könnten. Diese Zahl basiert auf internationalen Studien und Hochrechnungen.
Medizinische Versorgung in der Schweiz
Die Versorgungssituation ist nach wie vor komplex und in vielen Bereichen unzureichend. So wurde beispielsweise die Post-Covid-Sprechstunde am Kinderspital Zürich im April 2025 geschlossen und flächendeckende, standardisierte Angebote fehlen vielerorts.
Für Kinder und Jugendliche ist der Zugang zu geeigneten Unterstützungsmassnahmen somit oft noch schwieriger als für Erwachsene, da spezialisierte Angebote seltener sind und weniger Erfahrung in der Behandlung besteht.
Dadurch sind viele Familien gezwungen, eigenständig zu koordinieren, welche Fachpersonen, Therapien oder Rehabilitationsangebote sinnvoll sind. Den Überblick dabei zu behalten, ist dabei oft sehr belastend, zumal sie gleichzeitig eine passende Versorgung sicherstellen möchten.
Das BAG bietet in der folgenden Übersicht einen Überblick über bestehende Angebote: Link
Belastung für Familien
Long COVID wirkt sich nicht nur auf das Kind aus, sondern betrifft das gesamte familiäre Umfeld. Eltern müssen häufig ihre Arbeitszeiten reduzieren oder sogar ganz aus dem Berufsleben aussteigen, um die Betreuung zu gewährleisten. Die Doppelbelastung durch Pflege, Organisation und Arbeit kann zu finanziellen und psychischen Belastungen führen. Deshalb ist auch eine psychologische Begleitung wichtig, da die Erkrankung nicht nur körperliche, sondern auch emotionale und soziale Folgen hat.
Zudem kann Long COVID auch sozialversicherungsrechtliche Folgen haben. Bei Kindern erfolgt die Unterstützung meist indirekt über die Eltern. Beispielsweise können Eltern, die aufgrund der Pflege ihres Kindes nicht arbeiten können, unter Umständen Anspruch auf Lohnersatz haben, eine sogenannte Betreuungsentschädigung.
Zur Orientierung im Umgang mit möglichen Ansprüchen und Unterstützungsleistungen stehen sowohl offizielle Informationsangebote als auch ergänzende, praxisnahe Hinweise zur Verfügung. Diese können dabei helfen, sich im System besser zurechtzufinden.
Weitere Informationen:
- Infoblatt BAG / (BUE) Betreuungsentschädigung: Link
- Long COVID Kids / Informationen zu Versicherungen und Tipps von Eltern: Link
Für Familien kann es sinnvoll sein, sich früh mit Versicherungsexpert:innen zu vernetzen, um mögliche Unterstützungsleistungen zu klären.
Bildung und soziale Teilhabe
Kinder und Jugendliche haben ein Recht auf Bildung. Eine Long COVID Erkrankung kann dies jedoch erheblich erschweren. Neben den schulischen Anforderungen stellt dies auch Schulen und Lehrkräfte vor erhebliche Herausforderungen. Zusätzlich kann die Erkrankung für die betroffenen Kinder auch im sozialen Alltag belastend sein, etwa durch längere Abwesenheiten, eine eingeschränkte Teilhabe am Unterricht oder Schwierigkeiten, den Anschluss an die Klasse und das soziale Umfeld zu halten.
Für Schulleitungen, Lehrpersonen und schulische Fachpersonen hat das BAG die Erstellung eines Informationsblattes angeregt. Dieses wurde durch eine interdisziplinäre Expertengruppe erarbeitet und steht hier zu Verfügung: Link
Forschung und Ausblick
Die Studienlage zu Long COVID bei Kindern ist aktuell noch sehr dünn. Grosse, verlässliche und langfristige Untersuchungen fehlen bislang. Deshalb ist auch nicht klar, ob und wie schnell sich betroffene Kinder und Jugendliche erholen.
Eine britische Studie untersuchte 12’632 junge Menschen mit Long COVID und kam zu dem Ergebnis, dass sich rund 70 % der 11- bis 17-Jährigen innerhalb von zwei Jahren erholen, während etwa 30 % weiterhin Symptome haben.
Langfristig sind jedoch mehr systematische Forschung und strukturierte Versorgungsnetzwerke notwendig, um Kindern und Jugendlichen angemessene Versorgungs- und Behandlungsmöglichkeiten zu bieten, ihre Lebensqualität zu verbessern und das Verständnis der Erkrankung zu vertiefen.