ME/CFS: Wenn das Immunsystem nicht zur Ruhe kommt

ME/CFS: Wenn das Immunsystem nicht zur Ruhe kommt

Eine neue Studie zeigt: Bei ME/CFS könnte das Immunsystem dauerhaft aktiv bleiben und nach Belastung überreagieren – ein möglicher Schlüssel zur Erkrankung.

Viele Menschen mit Myalgischer Enzephalomyelitis / Chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS) beschreiben ein ähnliches Gefühl: Es ist, als wäre der Körper ständig krank, wie bei einer Grippe, die einfach nicht mehr weggeht. Erschöpfung, Überforderung nach kleinster Anstrengung und das Gefühl, nie wirklich „genesen“ zu sein, prägen ihren Alltag.

Eine aktuelle wissenschaftliche Studie aus dem Jahr 2025 liefert nun neue Einblicke, warum sich diese Erkrankung so anfühlen könnte.

In der Studie "Heightened innate immunity may trigger chronic inflammation in ME/CFS", die in npj Metabolic Health and Disease publiziert wurde, untersuchten Forschende das Blut und das Immunsystem von Menschen mit ME/CFS im Vergleich zu dem von gesunden Personen. Dabei wurden sowohl der Stoffwechsel als auch Proteine im Blut analysiert und die Immunreaktionen vor und nach körperlicher Belastung getestet.

 

Komplexes Muster

 

Das Ergebnis zeigt nicht ein einzelnes Problem, sondern ein zusammenhängendes Muster mehrerer biologischer Veränderungen. Bei ME/CFS wurden Hinweise auf Störungen im Energiestoffwechsel, im Immunsystem sowie in verschiedenen Signalwegen des Körpers gefunden. Besonders auffällig war, dass sich viele dieser Veränderungen nach körperlicher Belastung verstärkten – also genau dann, wenn Betroffene typischerweise eine Verschlechterung ihrer Symptome erleben.

Ein zentraler Befund betrifft das angeborene Immunsystem. Es ist die schnelle erste Abwehrlinie des Körpers gegen Infektionen. Normalerweise reagiert es kurzfristig und beruhigt sich wieder, sobald die Gefahr vorüber ist.

Die Studie zeigt jedoch, dass dieses System bei ME/CFS überempfindlich reagieren kann. Auf immunologische Reize (wie bei einer Infektion) produzieren die Zellen deutlich stärkere Entzündungsbotenstoffe als bei gesunden Menschen. Dies spricht für eine veränderte Regulation der Immunantwort.

Parallel dazu fanden die Forschenden Hinweise auf weitere biologische Auffälligkeiten, unter anderem in der Energieproduktion der Zellen, im Fettstoffwechsel, in der antioxidativen Abwehr und in Signalwegen wie dem Tryptophan-Stoffwechsel (Verarbeitung der Aminosäure Tryptophan, die unter anderem für die Bildung von Serotonin und für Immunreaktionen wichtig ist).

Wichtig ist: Diese Veränderungen treten nicht isoliert auf, sondern scheinen miteinander verknüpft zu sein.

Für Betroffene ist besonders relevant, dass viele dieser Auffälligkeiten nach körperlicher oder mentaler Belastung stärker werden. Dies passt zur sogenannten Post-Exertional Malaise (PEM) – also der typischen, oft verzögerten Verschlechterung nach Anstrengung.

Wenn mehrere Systeme gleichzeitig aus dem Gleichgewicht geraten sind, etwa die Energieproduktion und Immunregulation, kann bereits eine geringe Belastung ausreichen, um eine Art „Überreaktion“ im Körper auszulösen.

Die Studie zeigt somit nicht nur einzelne biologische Veränderungen, sondern auch ein komplexes Zusammenspiel von Stoffwechsel- und Immunstörungen, das die Symptome von ME/CFS erklären könnte.

 

Perspektiven für die Zukunft

 

Gleichzeitig diskutieren die Forschenden mögliche Ansatzpunkte für zukünftige Therapien. Dazu gehören Interventionen, die gezielt einzelne der beobachteten biologischen Dysfunktionen beeinflussen könnten, beispielsweise Entzündungsprozesse, Stoffwechselwege oder die Darm-Immun-Achse. Erste Hinweise deuten darauf hin, dass diese Erkenntnisse langfristig dabei helfen könnten, biomedizinische Behandlungsansätze für ME/CFS und andere postinfektiöse Erkrankungen zu entwickeln.

Für viele Betroffene ist genau das entscheidend: ME/CFS ist keine rein „unerklärte Erschöpfung“, sondern eine Erkrankung mit messbaren biologischen Veränderungen.

Am Ende bleibt die Erkenntnis:
Der Körper reagiert, allerdings in einem komplex verschobenen Gleichgewicht. Und genau dieses Zusammenspiel könnte ein Schlüssel zum Verständnis von ME/CFS sein.