Versorgungsumfrage zu Long COVID zeigt grosse Lücken

Versorgungsumfrage zu Long COVID zeigt grosse Lücken

Eine Schweizer Umfrage zeigt lange Wartezeiten, fehlende Koordination und Hürden bei den Sozialversicherungen.

Wie erleben Menschen mit Long COVID die medizinische Versorgung in der Schweiz? Dieser Frage ging eine Forschungsgruppe um Dr. med. Lara Diem vom Luzerner Kantonsspital nach. Altea hatte 2025 zur Teilnahme an der Umfrage aufgerufen. Nun liegen die Ergebnisse vor. 

An der anonymen Online-Umfrage nahmen 333 Erwachsene teil, deren Beschwerden nach einer SARS-CoV-2-Infektion mindestens zwölf Wochen angehalten hatten. 81,7 Prozent waren Frauen, das Durchschnittsalter lag bei 45,8 Jahren. Besonders häufig wurden die Symptome Fatigue, «Brain Fog», Post-Exertional Malaise (PEM; Verschlechterung nach Belastung), Schlafstörungen sowie Muskel- und Gelenkschmerzen genannt. 

Nur 12,6 Prozent der Befragten gaben an, frühzeitig und angemessen medizinisch unterstützt worden zu sein. 45 Prozent mussten sich selbst um eine geeignete Versorgung bemühen. Fast ein Viertel hatte zum Zeitpunkt der Befragung keine Unterstützung erhalten.  Auch der Zugang zu spezialisierten Angeboten war oft mit langen Wartezeiten verbunden: 32,1 Prozent warteten vier bis sechs Monate, weitere 32,4 Prozent länger als sechs Monate. 10,8 Prozent berichteten, dass ihnen keine spezialisierte Sprechstunde zur Verfügung stand. Hausärztinnen und Hausärzte waren mit 77,5 Prozent die am häufigsten aufgesuchte Anlaufstelle. Eine spezialisierte Sprechstunde für Long COVID nutzten dagegen nur 39 Prozent der Teilnehmenden. Nach Einschätzung von Lara Diem sollte deshalb einerseits die hausärztliche Versorgung durch klare Behandlungspfade, Fortbildungen und eine niederschwellige fachärztliche Beratung gestärkt werden. Andererseits brauche es ausreichend spezialisierte und multidisziplinäre Angebote für Betroffene mit komplexen oder schweren Verläufen. 42,6 Prozent berichteten zudem von Schwierigkeiten mit Sozialversicherungen. Genannt wurden fehlende Leistungen, eine unzureichende Anerkennung der Erkrankung und langwierige Verfahren. Ihre Zufriedenheit mit der Versorgung bewerteten die Teilnehmenden durchschnittlich mit 3,02 von 5 Punkten.

«Der dringendste Handlungsbedarf liegt für mich beim Zugang zu einer frühzeitigen, kompetenten und koordinierten Versorgung. […] Ein weiterer wichtiger Punkt ist die soziale Absicherung. Eine chronische Erkrankung betrifft nicht nur die Gesundheit, sondern häufig auch Arbeitsfähigkeit, finanzielle Situation und gesellschaftliche Teilhabe.», sagt Autorin Dr. med. Lara Diem. Als kurzfristige Massnahme sieht sie schweizweit klar definierte Versorgungspfade: Die Grundversorgung könne die erste Abklärung und Betreuung übernehmen, während für komplexe oder schwere Verläufe geregelte Zugänge zu spezialisierten, multidisziplinären Zentren bestehen sollten. 

«Wir müssen nicht auf neue Medikamente oder weitere Forschungsergebnisse warten, um die Versorgung bereits jetzt zu verbessern.» – Dr. med. Lara Diem

Zusätzlich seien gezielte Fortbildungen für Hausärztinnen und Hausärzte wichtig – insbesondere zu Fatigue, PEM, autonomer Dysfunktion (Störung des autonomen Nervensystems) und Energiemanagement. Telemedizinische Angebote könnten spezialisierte Expertise auch ausserhalb der grossen Zentren verfügbar machen und schwer Betroffene erreichen, die nicht regelmässig eine Sprechstunde aufsuchen können. Zudem sollten bestehende Angebote aus Hausarztmedizin, Spezialsprechstunden, Rehabilitation, Physio- und Ergotherapie sowie Sozialversicherungen besser vernetzt werden. 

Die Autoren erwähnen auch Limitationen der Umfrage: Wahrscheinlich wird nicht die Situation aller Menschen mit Long COVID in der Schweiz abgebildet. Da die Rekrutierung unter anderem über Selbsthilfegruppen, soziale Medien und spezialisierte Sprechstunden erfolgte, könnten Menschen mit sehr ausgeprägten Beschwerden oder negativen Versorgungserfahrungen überdurchschnittlich häufig teilgenommen haben. Die Ergebnisse beruhen ausschliesslich auf den Angaben der Teilnehmenden.

Die Ergebnisse zeigen daher nicht, wie verbreitet die beschriebenen Probleme insgesamt sind oder ob Versorgungsstrukturen den Krankheitsverlauf beeinflussen. Sie liefern jedoch wichtige Hinweise darauf, wo Betroffene Hürden erleben und welche Bereiche weiterentwickelt werden sollten. 

Quelle: Diem L. et al. (2026): Post-COVID-19 Condition in Swiss Healthcare: Disparities in Access, Delays in Care, and Patient Burden. Healthcare 14, 2220.